Travertino: Was der Name aus der Geschichte erzählt
Travertino - natürlich ist das klangvoller, um nicht zu sagen: musikalisch. Der italienische Ausdruck für den beliebtesten Naturstein ist, wenn man Rudolf Köster und seinem Lexikon für Eigennamen im Wortschatz glauben kann, durch Entstellung aus tiburtino hervorgegangen. Die Lateiner haben ihn lapis tiburtinus (Stein aus Tibur) genannt - dies sei, liest man bei Köster, der antike Name der heutigen Stadt Tivoli. Viele Steine heißen ja nach ihrem Fund- oder Abbauort: So gebe es an den Ufern des Aniene ausgedehnte Kalktuffterrassen, weiß Köster. Kalktuff ist nichts als ein anderer Name für Travertino - der bekanntlich durch Umwandlung in Gewässern entsteht, manchmal wird er auch Süßwasserkalk genannt. Dass der Ausdruck Travertino ohne die Sprachleidenschaft, ja den fuchtelnden Pathos geräuschvoll parlierenden Italiener undenkbar ist, versteht sich von selbst. Irgendwie sympathisch - und nicht so trocken wie das deutsche Travertin, von dem man nicht recht weiß, ob der Ausdruck nicht gar ein wenig ,,französelnd" gemeint ist.
Travertino ist heutzutage der unangefochtene Superstar unter den Natursteinen, übrigens ganz ohne Casting oder ähnliche Wettbewerbe - einfach so. Vielleicht mag es damit zusammenhängen, dass Italien zu den beliebtesten Urlaubsländern gehört - seines Essens, der Weine und unzähliger phantastischer Kulturdenkmäler wegen. Und die, jedenfalls einige davon, sind ohne Travertino undenkbar: Das Kolosseum in Rom ist, wenn auch nur noch als Ruine sichtbar, doch ein immer wieder beeindruckendes Beispiel. Travertino war also schon zu römischen Zeiten ein recht beliebtes Baumaterial.
Auch wenn Travertino suggerieren mag, unsere italienischen Fastnachbarn hätten den Abbau des zu den Kalksteinen gehörenden Minerals für sich gepachtet, stimmt das dennoch nicht. Etwas weiter östlich, in der Türkei, finden sich nicht minder ergiebige Lagerstätten. Gäbe es den Konflikt mit dem Regime im Iran nicht, könnten auch die dortigen Travertino-Berger größer ins Geschäft einsteigen. Berühmt, und nun schon ziemlich unitalienisch, sind die Terrassen von Mammoth Hot Spring in Amerika, ähnlich wie die Terrassen in Pamukkale ein sehr beeindruckendes Naturschauspiel. Hier und dort, durchaus nicht nur in Sachen Travertino, gibt es sehr viel Geschichte(n) rund um den beliebten Naturstein.
Aber warum heißt Tivoli und Travertino so? Die Stadt, ist auf der Website der Kommune zu lesen, habe sich aus einer griechischen Kolonie entwickelt. Catillo von Arcadien wird genannt, der nach Italien kam - Troia war 30 Jahre zuvor zerstört worden. Er hatte drei Söhne: Tiburto, Corace und Catillo. Sie vertrieben die Sizilianer, die die ersten Einwohner des heutigen Tivolis gewesen waren.
Die Tiburtinis, wie sie sich selbst nennen, berichten noch dieses und jenes über manche Kriege der damaligen Zeit. Schließlich, fahren sie fort, gebe es noch eine letzte Hypothese, den Namen betreffend: Tibur bedeute die Stadt nahe am Wasserfall, Tevere, zu deutsch: Tiber ist als Wort ebenfalls nicht allzu weit entfernt. Für wahrscheinlich wird offenkundig eine Gründung der Stadt im Jahr 1215 vor Christus gehalten, ,,462 Jahre vor der Geburt Roms".
Ist es übertrieben, davon auszugehen, im Wort Travertino stecke alles dies als Geschichte ,,drin"? Gewiss nicht: Wirklich Originale gibt es wenige, der Ursprünge sind viele. Es ist doch ein hübsches Gefühl, auf einem Naturstein mit spurenreicher Geschichte zu leben.
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